Geboren 1961, aufgewachsen am Land, in jungen Jahren in die Stadt gezogen. Musikerin, Germanistin, Journalistin, Kolumnistin, Theatermacherin, Autorin. Berliner Freigeist. Feministin. Mutter. Großmutter. So in etwa lautet die Kurzbiografie von Christiane Rösinger. Mit 65 Jahren hat sie nun einen Altersratgeber vorgelegt. Titel: The Joy of Ageing. Wobei Altersratgeber falsche Erwartungen wecken könnte. Es ist eher…… aber lest einfach weiter!
Lassie Singers? Nie davon gehört!
Die Musik dieser Berliner Band (Indie Pop, aktiv von 1988 bis 1998), deren Mitglied Christiane Rösinger war, dürfte die österreichische Provinz nicht wirklich erreicht haben. An mir ging sie jedenfalls spurlos vorüber. Deshalb war ich auch nicht sofort begeistert, als die ersten Zeitungen und LiteraturkritikerInnen begannen das Buch The Joy of Ageing zu feiern. Ich dachte eher: „Heidenreich, von Kürthy, und jetzt auch noch eine weitgehend unbekannte Musikerin (sorry Christiane!) – alle entdecken grad das Thema Altern. Muss ich das wirklich lesen?“ Außerdem jubelten mehrere Frauen meines Umfeldes über das Buch, allerdings alle auch dem Lebensgefühl „ich bin zwar 75, aber alt sind immer die anderen“ verfallen. Wieder so ein forever young-Schinken? Hilfe, ich mag nicht!
Auf der anderen Seite: Als Alternswissenschafterin muss ich selbstverständlich am Ball sein und wissen, was sich zum Thema Altern so tut. Nicht nur wissenschaftlich, sondern auch gesellschaftlich. Klar muss ich dieses Buch lesen und meinen Senf dazu abgeben!
Und so saß ich kürzlich im Zug von Wien nach Ungarn, das Buch The Joy of Ageing in der Hand, die ersten Seiten durchblätternd, als eine jüngere Frau mir gegenüber Platz nahm, neugierig nach dem Buchtitel blickte und mich dann fragte: „Ist das die Christiane Rösinger von den Lassie Singers?“ Hat die wieder ein Buch geschrieben?“ Ich staunte vielleicht! Und erfuhr von der jungen Frau, dass Christiane Rösinger doch voll die coole Socke wäre, vor einigen Jahren schon am Buch IOWA von Stefanie Sargnagel mitgewirkt hatte und überhaupt: Wie kann Frau die Lassie Singers nicht kennen! Schande!
Das war also mein Einstieg in "The Joy of Ageing"
Mittlerweile habe ich das Buch tatsächlich verschlungen. Ich habe gelacht, mich an den vielen Berlin-Geschichten erfreut, entrüstet den Kopf geschüttelt und Erkenntnisse innerlich weit von mir gewiesen, anerkennend genickt, mich ertappt gefühlt und mich – als Alternswissenschafterin und als 61 jährige Frau – an diesem herrlich erfrischenden Buch sehr erfreut. Vor zwei Tagen habe ich aus lauter Begeisterung sogar bei Christiane Rösinger um Facebook-Freundschaft angesucht. Außerdem versuche ich noch ein Ticket für ihre Lesung am Wiener Rabenhof Theater zu ergattern und wundere mich tatsächlich, warum ich Lassie Singers und Christiane Rösinger vorher nicht kannte. Asche auf mein Haupt! Ab jetzt bin ich Fangirl!
The Joy of Ageing - ein Altersratgeber, der keiner sein will
Wie könnte es auch anders sein, hatte Christiane Rösinger, noch bevor das Buch fertig geschrieben war, bereits den Titel für ihr neues Buch: The Joy of Ageing! Und selbstverständlich bezieht sich der Titel auf den 1972 erschienenen Sexualratgeber The Joy of Sex, der die Sexualität der Boomer veränderte. Endlich weg mit der Prüderie, hieß es damals. Welcome Lust, Sinnlichkeit und freie Liebe! Tja, und damit ist über das neue Buch von Christiane Rösinger eigentlich schon alles gesagt. Hier werden keine nervenden forever young- Schlachtgesänge oder weinerlichen Selbstoptimierungsansagen ausgerufen. Hier sagt eine: Ja, alt werden ist nicht immer lustig. Trotzdem: Welcome Alter. Denn alt macht frei!
So wohltuend! Danke dafür!
Wie ein roter Faden zieht sich durch Rösingers Buch das Vorhaben, einen Altersratgeber schreiben zu wollen. Während sie über mögliche Inhalte sinniert, sich selbst und ihren Körper beobachtet, etwa morgens beim Aufstehen, Literatur zum Thema Altern recherchiert, nach weiblichen Altersvorbildern in ihrem Umfeld sucht, erzählt sie vor allem von sich selbst und schreibt damit eine kleine Autobiografie. Diese Herangehensweise, die eigene Reifung (was ja altern letztlich bedeutet!), den eigenen Prozess des Älterwerdens darzustellen, ist ein sehr weiblicher Weg (ebenfalls zu finden, zwar völlig anders, bei Ildiko von Kürthys „Alt genug!“, Rezension HIER nachzulesen). Und so hat The Joy of Ageing auch vor allem das weibliche Älterwerden bzw. Themen dieses weiblichen Älterwerdens im Fokus. Trotzdem kenne ich mittlerweile einige Männer, die das Buch begeistert lesen!
Die Suche nach Altersvorbildern
Mit Skepsis habe ich zuerst jene Kapitel gelesen, in denen Rösinger nach möglichen weiblichen Altersvorbilder sucht. Zu plakativ erschien mir die vorgenommene Typologie (Gärtnerin. Hundefrau. Stadtflüchtige. Filzerin. Hautpflegerin.). Außerdem war ich selbst in der Typologie drei Mal genannt! Mir schwante Böses! Klischees, Klischees?? Doch wie habe ich dann beim Lesen doch gelacht! Vor allem über die Hundefrau, genaugenommen die Hundefrau mit Angsthund. Deren Hund darf nämlich niemals seine Angst verlieren, weil sonst müsste Frauchen mitten im Leben bleiben. Herrlich! Ich kann auch aus dem Stand vier solcher Frauen nennen! Witzig auch die Stadtflüchtige, ein langweiliges Leben mit viel Friede, Freude Eierkuchen, das Rösinger mit Recht eher dem Senium, also dem Leben nach 85 zurechnet. Und dann die Entdeckung: Christiane Rösinger und ich haben etwas gemeinsam: Wir sind beide Gärtnerinnen. Und genau so, wie sie das Gärtnern beschreibt, erlebe ich es auch. Kräftezehrend, aber erfüllend.
Lebensrückblicke und viele Geschichten über Berlin
Ein Erfolgsgeheimnis von The Joy of Ageing sind aus meiner Sicht die vielen Geschichten über das Leben in einem Berlin, welches es schon lange nicht mehr gibt. Wer von uns Boomern wollte nicht irgendwann, wenigstens für einige Zeit, nach Berlin gehen und träumte heimlich von einem alternativen Leben? Berlin, das schmeckte nach Unangepasstheit und Abenteuer. Genau davon erzählt Christiane Rösinger ausführlich und lässt die LeserInnen dabei ein bisschen Berliner Luft schnuppern, einen Blick erhaschen auf ein Leben, das man selbst nie gewagt hat. Sie erzählt von den Szenelokalen, die nach der Wende wild wuchsen und ebenso schnell wieder verschwanden, vom Leben in Berlin Kreuzberg, von Berliner Originalen, von langen Nächten und späten Tagen. Außerdem erfährt man über ein Künstlerinnenleben am Rande des Prekariats und ein von männlicher Dominanz geprägtes Musikbusiness.
Viele Jahre fühlte sich dieses Leben für Christiane Rösinger nach Freiheit und immerwährender Jugend an. Mit über 40 dachte sie über sich und die Menschen in ihrer Künstlerbubble noch „Wir werden nicht alt wie die anderen. Das wird uns nicht passieren.“ Doch diese Sicht endete jäh. Schlaganfall mit 42 Jahren, danach ein Unfall und monatelange Krankenhausaufenthalte. Zwar rappelte sich Christiane Rösinger wieder hoch, doch „das Ereignis“ ließ sie die eigene Verletzbarkeit erkennen. Und so fragt sie sich beim Schreiben denn auch, ob sie nicht besser einen Altersratgeber für „Alte, die herumreisen und bis zum Ende arbeiten müssen, weil sie mal keine Rente kriegen“ schreiben sollte.
Wider der Selbstoptimierung - Älterwerden als Frau
Was mir an The Joy of Ageing besonders gefallen hat, ist Christiane Rösingers Widerstand gegen jede Art von forever young -Attitüden und jede Art von Selbstoptimierung. Auch der Klage vieler Frauen, im Alter unsichtbar zu werden, steht sie gelassen gegenüber. Frauen, die in ihrer Anwesenheit eine Altersklage anstimmen, würde sie am liebsten zurufen: „Dann stirb halt, dann musst du nicht älter werden! Das ist die einzige Lösung. An anderer Stelle überlegt sie: „Vielleicht sollte ich in meinem Altersratgeber für Leute wie mich so etwas wie eine neue Alterskultur zimmern?“.
Fazit
The Joy of Ageing ist letztlich, wie könnte es bei Christiane Rösinger auch anders sein, kein Altersratgeber geworden. Es ist eine gut recherchierte Analyse zum Älterwerden, kombiniert mit einer unterhaltsamen, autobiografisch gefärbten Liebeserklärung an das Leben - mit allem Wachstum, Stolperfallen, Macken und Freiheiten, die das Älterwerden so mit sich bringt.
The Joy of Ageing – ist der PUNK unter den bisher erschienenen Büchern zum Älterwerden. Ein Buch zum Schmunzeln, sich Wiedererkennen, zum gelegentlich laut Auflachen. Ein Buch, das den größten Pluspunkt des Älterwerdens in den Mittelpunkt stellt: Die Freiheit.
Prädikat: Lesenswert und sehr unterhaltsam!
Service
The Joy of Ageing. Christiane Rösinger. 282 Seiten plus Literaturangaben. Rowolth Verlag
Sonja Schiff