Zuerst wollte ich Ildiko von Kürthys neues Buch gar nicht lesen. Zu seicht, vermutete ich. Dann nahm ich es mit in den Urlaub. Und war begeistert! Ganz im Gegensatz zum deutschen Literaturkritiker Denis Scheck, der es arrogant als "Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette" betitelte. Hier nun meine leidenschaftliche Rezension und eine Leseempfehlung, insbesondere für Frauen.
Ildiko von Kürthy - Buchentstehung und Social Media Kampagne
Ich wusste, da kommt ein Buch von Ildiko von Kürthy. Seit rund zwei Jahren folge ich ihr auf Instagram und Facebook. Daher war ich im Bilde. Ich habe mitbekommen, dass sie New York besuchte und dafür viele Ängste überwinden musste. Ich war viral mit auf dem verregneten Heavy-Metal-Festival Wacken. Ihr Spruch „wacker welken“ war in meinem Freundinnenkreis einige Zeit gemeinsames Mantra für ein gelassenes Älterwerden. Ich habe auch die Aufregung rund um ihre Bewerbung bei Germany´s Next Topmodel" mitbekommen und - last but not least- ich kannte ihre vielen Videos zu Themen wie Falten, Figur, Älterwerden und ihren Angstzuständen, die alle mit den Worten „Hallo liebe Freundinnen“ starten.
Ich habe Ildiko von Kürthy für diese perfekte Social Media Kampagne zum neuen Buch sehr bewundert. Denn darüber hat sie nie einen Hehl gemacht: Sie schreibt ein neues Buch und wir Followerinnen, ähhh Freundinnen, sind live dabei. Die zukünftige Leserin will in Zeiten von Social Media bei so einer Buchentstehung eben eingebunden sein, sie will mitfiebern, gefragt werden, der Autorin nahe sein. Von Kürthy bot und bietet all das. Und tut damit, was Verlage heutzutage von Autorinnen selbstverständlich verlangen: Beste Community-Pflege der zukünftigen Leserinnen. Super professionell. Immer freundlich. Sehr sympathisch. „Hallo liebe Freundinnen“….. Ich war davon wirklich beeindruckt!
Vom Buch selbst habe ich mir wenig erwartet. Eigentlich wollte ich mir das Buch gar nicht kaufen. Ildiko von Kürthy, da dachte ich an seichte Romane für Frauen, die gerade gedanklich nicht zu sehr belastet werden wollen, weil sie eh schon genug um die Ohren haben. Romane über die Liebe, Männer, Frauen, Freundinnen, Kinder und immer mit Happy End. Wie langweilig! „Mondscheintarif“, ihr erstes Buch, habe ich irgendwann vor gefühlt hundert Jahren gelesen. Alle weiteren Bücher waren an mir vorbeigegangen. Vor 3 Jahren bin ich der Autorin dann auf Insta begegnet und las daraufhin „Eine halbe Ewigkeit“, eine Art Mondscheintarif-Nachfolge-Roman. Die Heldin von damals trifft 20 Jahre später erneut ihre große Liebe. Uijegerl!
Nein, von ihrem neuen Buch „Alt genug“ habe ich mir nichts erwartet. Trotzdem habe ich es mir gekauft, denn die Alternswissenschaftlerin in mir ist immer neugierig darauf, was andere übers Älterwerden denken. Ich nahm es mit in den Urlaub, es würde meine Urlaubsgefühle, mein Bedürfnis nach Leichtigkeit und Entspannung sicher nicht negativ beeinträchtigen.
So weit, so vorurteilsbehaftet. Und arrogant, wie ich jetzt weiß.
Denn was ich zu lesen bekam, hat mich überrascht, bewegt, ergriffen, berührt. Vor allem als Frau.
Alt genug - ein Buch über das Reifen und Wachsen
Das Wort „alt“ ist voraussichtlich abgeleitet vom indogermanischen Wortstamm „al“, was so viel bedeutet wie „reifen“ beziehungsweise „wachsen“. Genau um diese Reifung geht es in Ildiko von Kürthys neuem Buch „Alt genug“. Allerdings nicht in Form einer theoretischen Abhandlung, Zitatensammlung oder eines wohlmeinenden Ratgebers. Von Kürthy geht einen anderen Weg. Sie legt in Form eines erzählerischen Sachbuchs ihren sehr persönlichen Reifungsprozess dar. Dabei gibt sie überwältigend intime Einblicke in ihre Seele, ihr Wachstum, ihr Sein.
Ildiko von Kürthy reflektiert in diesem Buch ihr bisheriges Leben entlang eines erzählerischen Hauptstranges: Sie ist eingeladen zur Geburtstagsfeier einer Frau „die eine Freundin hätte werden können, hätten wir beide mehr investiert“. Sie schminkt sich, zieht sich an, nimmt ein Taxi, steigt sieben Stockwerke zur Partylocation hoch, weil sie aufgrund von Höhenangst nicht den gläsernen Aufzug nehmen kann. Sie kommt atemlos und verschwitzt oben an, steht vor verschlossener Türe, muss klopfen und gegen die Tür trommeln, bis jemand öffnet, sie ins Party-Geschehen lässt. Dort begegnet sie verschiedenen Menschen, macht Small Talk, tanzt, macht sich dann wieder auf den Weg nach Hause. Kurz vor Mitternacht liegt sie in ihrem Bett.
So banal. So unbedeutend. Doch das Dabei und Dazwischen hat es in sich! Entlang dieses Erzählstrangs nimmt uns Ildiko von Kürthy nämlich mit auf eine sehr persönliche Gedankenreise.
Wer von uns kennt das nicht: Du bist unterwegs im Leben, zu einem Termin, zu einem Treffen, zu einem Geschäftsessen – und parallel zu diesem Geschehen begleiten dich, Sekunde für Sekunde, deine innere Stimme, tausende Gedanken, die ziellos einmal hierhin und einmal dorthin gehen. Gedanken, die normalerweise sofort weiterwandern, sodass du sie kaum wahrnimmst. Trotzdem beeinflussen sie dein Leben.
Genau zu so einer persönlichen Gedankenreise nimmt uns Ildiko von Kürthy in ihrem neuen Buch mit.
Sie erzählt von ihrer Kindheit, von den Eltern, von Freundschaften, von ihren ersten Schritten als Autorin, ihren Bühnenshows, ihrer Mutterschafft, den Krebserkrankungen zweier Freundinnen und ein wenig auch von ihrer Beziehung zu ihrem Mann. Sie berichtet von Panikattacken und Angstzuständen, von Erschöpfungssituationen, von Selbstzweifeln und geringem Selbstbewusstsein, vom ewigen Gefallen-wollen als Frau und ihrem Anpassungsverhalten. Bei den vielen Rückblicken verliert sich die Autorin nie in reiner Vergangenheitsbewältigung, sondern schlägt den Bogen immer in die Gegenwart. Im Mittelpunkt der intimen Einblicke steht immer die Perspektive des Wandels, der Erkenntnisse. Damit stellt Ildiko von Kürthy wunderbar dar, und hier hat mein Alternswissenschaftliches Herz gejubelt, was Älterwerden eben tatsächlich ist: Ein persönlicher und höchst individueller Prozess der Reifung und des Wachstums.
Persönlich, intim, mitreißend, berührend!
Besonders eindrücklich und berührend etwa ihr Entwicklungsprozess im Umgang mit psychischen Problemen, die sie schon ihr ganzes Leben begleiten. Auf der Party gesteht sie einem befreundeten Arzt voller Scham, dass sie seit einiger Zeit Antidepressiva nimmt. Sie erzählt ihm, wie sie monatelangen an einem Würgegefühl im Hals litt. Ein Zustand, der massiv ihre Lebensfreude und ihre Arbeit beeinträchtigte und bei dem ihr niemand helfen konnte. Irgendwann verschrieb ihr ein Arzt Antidepressiva, was sie schockierte, aber dann wirkten diese prompt und vertrieben die Enge im Hals. Doch statt sich darüber zu freuen, plagen sie Selbstzweifel und Scham. Was für eine schwache und psychisch verkorkste Person sie doch wäre, weil sie ein Antidepressivum benötige. Im Gespräch mit dem Partygast löst sich diese Scham auf, zuerst zögerlich, dann aber mutig nach vorne. Der Reifungsprozess geht von Fragen wie „Habe ich es mir zu leicht gemacht?“ über „Bin ich noch ich oder bin ich nun Fake, ein Pillenprodukt?“ bis hin zu „Ich fühle mich jetzt so, wie ich eigentlich gemeint bin. Ich kann endlich wieder frei atmen!“ und der Erkenntnis, dass es okay ist bei psychischen Problemen ein Medikament zu nehmen. So wie es okay ist, ein Medikament gegen Migräne zu nehmen. Weiterfolgend schildert sie ihre vielen inneren Konflikte. Etwa ihre grundsätzliche Angst, um Hilfe zu bitten. Ihre Neigung zu glauben, nur der schwere Weg wäre der richtige Weg. Oder dass Erfolg für sie immer durch ein Tal von Schmerz und Tränen führen muss, damit sie ihn als verdient annehmen kann. Ein kultureller weiblicher Reflex, tradiertes Verhalten. Ildiko von Kürthy ist dabei, dieses Verhalten jetzt - jenseits der 50 - Schritt für Schritt zu erkennen, zu hinterfragen und aufzulösen.
Rund um die Bewerbung bei Germany´s Next Topmodel schreibt Ildiko von Kürthy selbstverständlich - wie könnte es anders sein! – auch über das Thema Schönheit und die Veränderungen des Körpers beim Altern. Sie erzählt von der Entdeckung ihrer ersten Falte vor 15 Jahren – oberhalb der rechten Augenbraue, entstanden durch die Gewohnheit, diese Braue gerne spöttisch hochzuziehen - und berichtet, was sie damals tat, um die Vertiefung dieser Falte zu stoppen. Nein, es war kein kosmetischer Eingriff! Sie zwang sich, diese spöttische, und aus ihrer Sicht leicht arrogante Geste, zu beenden. Auch zum Thema Schönheitseingriffen bezieht sie in diesem Zusammenhang Stellung, auf interessante Weise, wie ich finde. Zitat:
„Manchmal denke ich, dass Schönheitsoperationen, Liftings und Botox-Behandlungen im Grunde der ängstliche Versuch sind, dem eigenen Gesicht den Mund zu verbieten. Es daran zu hindern, die wahre Lebensgeschichte zu erzählen.“
Herrlich! Erfrischend!
Zur gesellschaftlichen Tendenz, Schönheit gleichzusetzen mit jugendlichem Aussehen, hat sie auch eine Gegenposition zu aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen:
„Es ist wie eine Massenvergiftung, die da stattfindet. Und ich will mich nicht vergiften lassen von den schlechten Sehgewohnheiten einer Welt, von in ewiger Jugend erstarrten Fratzen, von schweigenden Gesichtern und normschönen Masken ohne Lebensgeschichte.“
Yeah! Die Alternswissenschafterin in mir jubelt schon wieder!
Ildiko von Kürthy - von wegen Schnatterzone! Mut machend!
Neben dem Blick in die Vergangenheit und ihren sich daraus ableitenden Lebenserkenntnissen, geht Ildiko von Kürthys Gedankenreise auch in die Zukunft, dabei beweist sie Kratzbürstigkeit. So verwehrt sie sich etwa gegen den Satz eines Top Speakers „Das Leben ist immer da, wo du noch nicht warst“ und erzählt von ihrem Verständnis von einem guten Leben. Sie erzählt von „Rastplätzen für die Seele“, die sie benötigt, und davon, dass sie eine Freundin der Komfortzone sei, die sie sich immerhin hart erkämpfen musste und nun auch genießen will. Zusammen mit einer Freundin sinniert sie über Sex, Partnerschaft und Alter, und auch bei diesem Thema, wagt sie – zwar oft mit der Stimme der Freundin (zu intimen Einblick in ihre Partnerschaft will sie nicht geben. Verständlich!) – eine Gegenposition. Ziemlich unterhaltsam schildert sie, wie man als Frau ein halbes Leben lang von seinen Hormonen gesteuert wird und die Menopause zu einer neuen Form von Freiheit und Selbstbewusstsein führt.
Hier zwei Kostproben:
„Früher dachte ich, eine gute Ehe bestünde darin, dass man zu zweit ein Leben lebt, dass man sein Leben miteinander teilt. Jetzt will ich mein eigenes Leben.“
„Seit ich Männern nicht mehr gefallen will, habe ich viel mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben.“
Herzlich gelacht habe ich über die erfrischende Diskussion mit dieser Freundin darüber, dass sie es nie für möglich gehalten hätten, was sie alles im Alter nicht vermissen würden. „Partys, Drogen, Sex und laute Musik“ etwa, aber auch „Isomatten und Fellatio.“
Ildiko von Kürthys Buch „Alt genug“ ist, wie zu erwarten war, ein Bestseller geworden. Ihre Bekanntheit der letzten 25 Jahre, ihre professionelle Community-Pflege via Social Media und einige Aufsehen erregende Aktivitäten während des Schreibprozesses (etwa die Bewerbung bei Germany´s Next Top Model) haben dazu den Grundstein gelegt. Dazu kommt, dass die Zeit jetzt auch endlich reif ist für Bücher zum Älterwerden (siehe auch das Bestseller-Buch „Altern“ von Elke Heidenreich).
Aber der Erfolg von „Alt genug“ ist nicht nur den perfekten Marketing-Maßnahmen der Autorin zuzuschreiben. Der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck beschrieb das Buch herablassend als „Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette“ und löste damit einen Aufschrei aus. Mit Recht, wie ich finde! Denn Denis Scheck hat da etwas nicht verstanden:
Aus Sicht eines Mannes, der keine Ahnung vom Leben einer Frau hat, von ihren patriachalen Prägungen, ihren Selbstzweifeln, ihrem Sich-ständig-klein-machen, ihrer Anpassung und eben der Wandlung und Befreiung durchs Älterwerden, mag das Buch und seine tausenden Gedanken eine „Schnatterzone“ sein.
Aus Sicht einer Frau aber bietet Ildiko von Kürthy mit diesem Buch jede Menge authentische Projektionsfläche und Spiegel. Das Buch holt sehr viele Frauen jenseits der 50 genau dort ab, wo sie grad stehen: Sie ahnen, dass älter zu werden, kein Makel ist (wie ihnen das Patriachat Tag für Tag versucht einzureden!), sondern Befreiung. Ildiko von Kürthy pfeift auf die Scham beim Altern, auf das Vertuschen des Altersprozesses, auf ein Glattbügeln von Falten und Charakter, sondern macht Frauen unbändige Lust, positiv aufs Leben und Alter zu schauen.
„Ich habe ständig zurückgeschaut, um zu verstehen, wer ich bin….. Wenn ich heute Abend in den Spiegel blicke, dann werde ich darin nicht mehr das Kind suchen, das ich einmal war, sondern die Alte, die ich einmal sein will.“
Touchè!
Prädikat: Berührend, authentisch, absolut lesenswert!
Service
Alt genug. Ildiko von Kürthy. 265 Seiten. Ullstein Verlag.
Sonja Schiff
Karin says:
Ich freue mich sehr über deine ausführliche und wahrlich treffende Buchrezension. Ich habe mir, unmittelbar nach Herausgabe, das Buch gekauft, ohne zuvor die Entstehungsmaschinerie mitbekommen zu haben. Mir hat einfach der „zeitlose“ Titel gefallen, „Alt genug“ passt immer, ist quasi altersunabhängig und mir haben die Interviews von Ildiko von Kürthy zu diesem Buch gefallen. Anfangs empfand ich das Buch als beliebiges Allerlei, aber es hat mich mehr und mehr begeistert, da ging es mir sehr ähnlich wie dir, Sonja.
Mir persönlich tut es ausgesprochen gut, ein Buch zu lesen, wo ich mich und etliche meiner Freundinnen wiederfinde, mit großer Selbstverständlichkeit und bei dem mir immer wieder ein „Ja, genau!“ in den Sinn kommt und am Ende des Buches ein „Danke“ für dieses Buch!
Die Kritik von Denis Scheck ist m.E. keine Kritik, sondern eine untergriffige Beleidigung, welche die Angst von Männern zeigt vor Frauen, die etwas zu sagen haben, was über ihren Horizont der Vorstellung hinausgeht. Und ausserdem, wie kommt er dazu, vom „Schnattern auf Damentoiletten“ zu sprechen? Treibt er sich auf Damentoiletten herum oder versucht er lauschend an der Klotür etwas vom Mysterium Frau zu erhaschen?